(Mycologia Helvetica)

 

Provisorische Rote Liste der gefährdeten Höheren Pilze der Schweiz

 

Beatrice Senn-Irlet

Geobotanisches Institut der Universität Bern

Altenbergrain 31, CH - 3013 Bern

 

Christof Bieri & Rolf Herzig

AGB, Arbeitsgemeinschaft für Bioindikation,

Umweltbeobachtung und ökologische Planung

Quartiergasse 12, CH 3013 Bern

 

Zusammenfassung: Eine erste provisorische Rote Liste der gefährdeten Höheren Pilze der Schweiz umfasst 232 Arten. Sie basiert auf einem halbquantitativen Zweischrittverfahren. In einem ersten Schritt wurden 600 empfindliche Arten ausgewählt. Selektionskriterien waren dabei hauptsächlich der Gefährdungsgrad in acht andern europäischen Ländern, der Verbreitungsschwerpunkt der Art im Alpenraum und das Vorkommen in bedrohten Biotopen. In einem zweiten Schritt wurden diese vorselektionierten Arten einer Empfindlichkeits-Bewertung unterworfen. Kriterien waren dabei eine Beurteilung der Seltenheit bezüglich Populationsdichte, Habitats- und Wirtsspezifität sowie Arealgrösse, Rückgangstendenzen und Biotopgefährdung. Aufgrund der erzielten Bewertungspunkte wurden von den 600 vorselektionierten Pilzarten 232 Arten für die provisorische Rote Liste ausgeschieden. Auskünfte zu diesen Kriterien wurden vor allem der Datenbank der Makromyzeten der Schweiz entnommen, welche zur Zeit 80 000 Fundmeldungen enthält. 55% der gefährdeten Arten kommen in Biotopen vor, welche ihrerseits stark gefährdet sind wie Hochmoore, Trocken- und Halbtrockenrasen, Auenwälder, extensiv genutzes Weideland und Flachmoore. Drei Arten müssen als ausgestorben gelten.

 

Resumé: Une première liste rouge provisoire des champignons supérieurs menacés en Suisse comprend 232 espèces. Elle a été établie selon un processus semi-quantitatif à deux étapes. Dans un premier temps, on a choisi 600 espèces sensibles, selon les principaux critères de sélection suivants: degré de menace dans 8 autres pays européens, répartition de líespèce concentrée dans líarc alpin, apparition des sporophores dans des biotopes menacés. Dans une seconde étape, on a évalué le niveau de sensibilité des espèces sélectionnées au moyen des critères díévaluation suivants: rareté quant à la densité de population, spécificité de líhabitat et des plantes-hôtes, taille de líaire de répartition, tendances à la régression et menace sur les biotopes. Sur la base obtenue et numérisée de cette évaluation, une liste rouge provisoire de 232 espèces a été extraite des 600 présélectionnées. Les renseignements relatifs aux critères de sélection ont été obtenus essentiellement dans la banque de données des macromycètes de Suisse, qui contient actuellement 80 000 fiches de récoltes. 55% des espèces menacées viennent dans des biotopes eux-mêmes fortement menacés, tels des hauts-marais, des prairies sèches et mi-sèches, des forêts riveraines, des pacages à exploitation intensive et des marais. Trois espèces doivent être considérées comme éteintes.

 

Riassunto: 232 specie sono elencate per la Svizzera in una prima lista rossa dei funghi superiori in pericolo. La lista rossa si basa su di un procedimento semiquantitativo bifase. In una prima fase sono state scelte 600 specie sensibili. I criteri di selezione applicati sono: grado di minaccia in altri 8 paesi europei, diffusione della specie principalmente nelle Alpi e presenza in biotopi minacciati. In una seconda fase è stata valutata la sensibilità delle specie preselezionate usando i seguenti criteri: rarità in relazione alla densità di popolazione, specificità dell'habitat e delle piante ospiti, estensione dell'area di distribuzione, tendenze di regressione e grado di minaccia dei biotopi. Partendo dalle 600 specie di funghi preselezionate la valutazione numerica ha permesso la designazione di 232 specie contenute nella lista rossa provvisoria. Le informazioni per i criteri di selezione sono state ottenute in prima linea dalla banca dati dei macromiceti della Svizzera, che attualmente contiene 80'000 presenze segnalate. Il 55 % delle specie minacciate si trovano in biotopi a loro volta gravemente minacciati come le torbiere alte, i prati secchi e semisecchi, le zone golenali, i pascoli estensivi e le paludi. Tre specie devono essere considerate estinte.

 

Summary: A provisional red list of endangered macrofungi of Switzerland enumerates 232 species. It is based on a semiquantitative stepwise procedure including a selection and evaluation of 600 species susceptible to environmental changes. The selection is based on the status as threatened species on several other European lists, and on geographical and ecological criteria. The evaluation consists of an estimation of population size, habitat and host specificity and area size within Europe and within Switzerland. Evidence for a decline in recent years and the occurence in endangered habitats such as bogs gave additional information. The evaluation is based on a a recently established database with 80 000 records. 55% of the threatened species fruit in habitats which are threatened themselves such as bogs, fens and wetlands, xeric and oligotrophic grassland, extensively used pastures and alluvial forests. Three species must be regarded as extinct.

 

 

Einleitung

Für die Schweiz existieren bereits für verschiedenste Organismengruppen Rote Listen (siehe Uebersicht in Bolliger, 1996), jedoch noch keine für Pilze. Aus dieser Tatsache darf nun aber nicht geschlossen werden, dass Höhere Pilze durch den Landschaftswandel, die Biotopveränderungen und die Umweltbelastung der letzten Jahrzehnte nicht betroffen worden wären. Aus mehreren Teilen Europas wird ein dramatischer Rückgang insbesondere von ektomykorrhizabildenden Arten dokumentiert (vgl. Arnolds 1991, Derbsch 1987, Fellner 1989, Grosse-Brauckmann & Grosse-Brauckmann 1978, Lizon 1993, Schmid 1996, Schmitt 1987). Bis 1993 sind europaweit bereits für 11 Länder Rote Listen bedrohter Pilze publiziert worden (Arnolds & de Vries 1993), womit auf die bedrohliche Situation für zahlreiche Arten aufmerksam gemacht worden ist. Aus der Schweiz liegt erst ein Bericht zur Situation von zehn europaweit als stark bedroht eingestuften Arten vor (Senn-Irlet 1994).

Die Rote Liste ist ein politisch-strategisches Instrument des Naturschutzes und verfolgt folgende Konzepte und Zielsetzungen:

  • 1. Information der Oeffentlichkeit, von Behörden und politisch Verantwortlichen.
  • 2. Unterstützung von Vorhaben des Artenschutzes.
  • 3. Unmittelbare Handlungsaufforderung. Eine Gefährdungsabstufung ist als Prioritätensetzung aus der Sicht des Artenschutzes zu interpretieren.
  • 4. Unterstützung für die Optimierung und Operationalisierung gesetzlicher Artenschutzbestrebungen.

  • Die folgende "provisorische Rote Liste der gefährdeten Höheren Pilze der Schweiz" ist im Auftrag des Bundesamtes für Umwelt, Wald und Landschaft entstanden. Da die Kriterien des IUCN (1995) bezüglich einer Gefährdungsabstufung noch nicht erfüllt werden können, wird die vorliegende Liste als provisorisch eingestuft.

    Die vorliegende Fassung der provisorischen Roten Liste weicht in einigen Details vom Schlussbericht (AGB 1996) ab. Insbesondere weil das Kriterium der Fruchtkörpergrösse nicht bei allen erwähnten Arten, insbesondere kleinen Ascomyceten, nicht erfüllt war.

    Material und Methoden

    Definition der "Höheren Pilze" (Synonyme: Grosspilze, Makromyzeten)

    Zu den "Höheren Pilze" werden alle Pilze gezählt, welche sichtbare Fruchtkörper von über 2 mm Grösse produzieren. Stets eingeschlossen sind dabei die Lamellenpilze (Agaricales s.l.) und die Nichtblätterpilze (Aphyllophorales s.l.). Hingegen sind die Schlauchpilze (Ascomyceten), Bauchpilze (Gasteromycetes) und Gallertpilze (Heterobasidiomycetes) nur zum Teil berücksichtigt. Die Rostpilze (Teliomycetes), Jochpilze (Zygomyceten), Deuteromyceten, Flechten und Schleimpilze (Myxomyceten) sind nicht eingeschlossen.

    Kriterien des 1. Selektionsschrittes